Die Schweizer Geschichte weist ein Phänomen auf, das keiner ihrer Nachbarn aufzuweisen hat und dem jene merkwürdige Verquickung zwischen weltoffener Internationalität und leidenschaftlicher Bodenständigkeit zu danken ist, die die Eidgenossenschaft charakterisiert und auf die - überraschenderweise - in jener verhüllt - umwegigen Form, wie sie eben der allerobersten Instanz bei der Lenkung der Völkerschicksale vielfach eigen ist, die nie klar bewusste, nie wirklich beabsichtigte, erst spät geahnte und noch später beim grossen Kongress in unserer Stadt endlich formulierte Idee der Neutralität zurückgeht: es ist die Einrichtung der Schweizer Garden, die seit dem beginnenden 16. Jahrhundert eine ganz entscheidende Rolle in fast allen  europäischen Kriegen spielen, ohne dass diese Rolle freilich irgendwann entsprechend gewürdigt wurde - ja wohl auch gar nicht gewürdigt werden konnte, da Frucht und Glorie des Sieges natürlich gewissermassen dem "Unternehmer", also der Macht zukam, in deren Diensten die Schweizer Garden gestanden waren. So ist es wohl richtig, einmal die Kriege und Siege, die politischen Aktionen, die Niederlagen und Gemetzel der Schweizer Garden nicht vom Standpunkt des Auftraggebers und Brotherrn zu betrachten, sondern vom Standpunkt derjenigen, deren Blut und Treue so oftmals der Erfolg zu danken war und deren hingebendes Opfer so oft von, durch schlechtes Gewissen 

 
verursachtes, Schweigen bedeckt wurde. Es mag zu denken geben, dass die Allerchristlichsten Könige von Frankreich seit Karl VIII. 1496 das Regiment der Cent Suisses, der Hundert Schweizer, als Leibwache hatten, und der Heilige Vater die Schweizer Garde bis heute hat. Ihre auch im ärgsten Getümmel gut sichtbare, ja geradezu mitreissende Fahne zeigt ein Strahlenbündel in den lebhaftesten, je nach Regiment variierenden Farben, die nach dem Kreuzungspunkt der Balken des allen gemeinsamen weissen Schweizer Kreuzes weisen, auf dem beim Regiment der "Cent Suisses" die Devise "Ea Fiducia Gentis est" steht. Und das war wirklich die Treue eines Volkes, wie sie reiner und eigentümlicher nicht mehr gedacht werden kann. Eines muss man sich dabei immer vor Augen halten: die Anwerbung des Schweizer Gardisten geschah nicht persönlich, a la "Zigeunerbaron", wie bei einem gewöhnlichen Söldner, der die eigene Kraft und den eigenen Mut an den Meistbietenden verkauft, sondern durch "Capitulationen", also Staatsverträge, zwischen den einzelnen Kantonen und dem anwerbenden Staat, so dass der Angeworbene, wenn er seine Treue brach, sie nicht nur gegenüber seinem Soldherrn brach, sondern auch gegenüber seiner Heimat, für die er in einem übertragenen Sinn auch als Gardist weiterkämpfte, da sie nur dort die Anwerbung gestattete, wo es in ihr politisches Konzept passte.

 
 
Und doch reicht diese juristische Unterscheidung zum gewöhnlichen "Söldner" nicht aus, um diese Exzesse hingebender Treue, diese völlig bewussten Opfer - ja Schlachtgänge zu erklären von Söhnen eines Volkes, das nervlich kerngesund, bisweilen sogar als phantasiearm verschrien, gewiss vom Verdacht massenhysterischer Reaktionen freigesprochen werden kann.
        Und so schien es mir in einer Zeit, wo Hingabe an irgendetwas, an eine Sache, an ein Land, an eine Idee, immer seltener, in mancher Augen immer verdächtiger wird - während wir alle, und auch die Verdächtiger, spüren, dass uns nur die Hingabe an irgendetwas aus den inneren Wirren unserer Epoche herausführen wird - 
ungemein interessant und wertvoll die Hingabe dieser Schweizer darzustellen und vielleicht auch ein wenig in ihre aus schneeiger Heimat kühlen und doch so flammend-treuen Heldenmutes fähigen Herzen hineinzublicken. Bei so erdnahen Burschen muss man sich sehr hüten vor irgendeiner Idealisierung oder romantischen Färbung ihrer Taten und Motive, aber sie werden allen verschönernden Beiwerkes ledig darum nicht kleiner. Ein ebenso Uriges, wie Schwyzer, wie Unterwaldnerisches Motiv dürfte darin gelegen sein, dass die Gardisten, die sich stets auf viele Jahre verpflichteten, in ihrem Regiment eine zweite, ja wahrscheinlich in vielen Fällen eine erste Heimat gefunden hatten. Ein Leben ausserhalb des Regimentes war schlechthin 

 
 
unvorstellbar, war schon wie ein Tod, so dass, wenn man zur Schlachtbank geführt würde, man auch durch Desertion nur die Wahl zwischen dem einen oder dem anderen Tod hatte. Es gab nur die eine Alternative, das Regiment, die eigentliche Heimat mit allem Mut zu retten. Es ist ein verstocktes bäuerliches Ausharren am Bund der Landgenossen, die in der Fremde das Heimathaus ersetzen, es ist das primitive Urwissen, dass nur die Gemeinschaft als Ganzes stirbt oder überlebt und der Urinstinkt, möglichst viele mitzunehmen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, der am Grunde dieses Heldentums liegt und so große Augenblicke gezeitigt hat. Aber was gewinnen wir, wenn wir die Beweggründe dieser grossen selbstaufopfernden Stunden zerpflücken? Als die Psychoanalyse auf diesem Wege allzuweit fortschritt, bemerkte Thomas Mann: "Man sagt mir, dass die Liebe nur ein Sammelsurium aller möglichen Perversionen sei. Aber dennoch bleibt sie die Liebe". Und welche Wurzeln immer dem Heldentum der Schweizer Garden in aussichtsloser Situation instinktmässig zugrunde lagen, es bleibt ungetrübt das Licht der opfermutigen Hingabe darüber gebreitet, es bleibt Hingabe glänzend bis zum heutigen Tag.
        Das "Hohe Lied" dieser Treue sang die grausame Geschichte der Schweizer Garde am 10. August 1792, als sie gerufen wurde, König Ludwig XVI. in den Tuilerien zu verteidigen,

 
 
den alle Welt verlassen hatte; und in seltsam verschlungener Umkehr der Geschichte eine Königin, Marie Antoinette, aus jenem Hause Habsburg, mit dessen Vertreibung aus den Schweizer Bergen die Eidgenossenschaft ihren Anfang genommen hatte. Und dieses Zusammentreffen schweizerischer und österreichischer Geschichte auf einem Schauplatz fern von Österreich und der Schweiz, diese Tragödie, in die unsere arme Prinzessin und ihre heldenmütigen Garden verstrickt wurden, obwohl sie eigentlich nur Komparsen des leidenschaftlichen Spieles anderer waren, schien mir wert, in diesem Kreise neu belebt zu werden, da sie in der Geschichte der anderen möglichst kurz abgetan wird, denn ein  Ruhmesblatt für die anderen ist sie ja nicht gerade; und für uns gilt es, den Dank neu aufzufrischen für die todesmutige Verteidigung der wohl unglücklichsten österreichischen Prinzessin, die es je gab.
        Aus einem Vortrag in diesem Haus wird Ihnen noch gegenwärtig sein, wie es die Schweizer waren, die in den Schlachten von Grandson, von Murten und Nancy die glanzvollste Macht des späten Mittelalters, Burgund, zur Strecke gebracht hatten. Aber wer hatte die Früchte geerntet? Ludwig XI. von Frankreich, der Dijon und das französische Burgund besetzte, und Maximilian, der durch die Ehe mit Maria, der burgundischen Erbin, die Freigrafschaft Burgund, Flandern und die Niederlande für das Haus 

 
 
Österreich erwarb. Und die Hauptakteure, die Schweizer? Reicher Sold und unermessliche Beute (der Streit darum kostete fast mehr Energie als der Erwerb) und ein paar Randgebiete, die für die sich formende Eidgenossenschaft unerlässlich waren, gewissermassen organisch schon dazugehört hatten. Aber aus dem grössten Krieg des späten Mittelalters eigentlich keine wirkliche Eroberung.
        Etwas anders stand es im Süden. Etwa seit der Mitte des 13. Jahrhunderts war der Gotthard ein passabler Alpenübergang geworden. Es ist kein Zufall, dass just um diese Zeit der böse Gessler, just in Altdorf, wo die Strasse zum Gotthardpass ansteigt, seinen Hut heraushing, und der erst einem viel späteren 
patriotisch-poetischen Wochenbett entsprungene Wilhelm Tell just damals den Gruss verweigerte, welch verweigerter Gruss neben allen dramatischen Schillerschen Konsequenzen noch die eine Konsequenz hatte, dass der Gotthard nicht mehr in habsburgischem, sondern eidgenössischem Besitz war. Diese Pässe konnte man mit einer Handvoll Leuten für die grösste Armee sperren. Heinrich VI., der große Hohenstaufenkaiser, fragte jedesmal bei den Herren von Salis und von Planta, die die Alpenübergänge nach dem Rhonetal kontrollierten, höflich an, wann man über den Passübergang des Heeres verhandeln könne. Und die Salis und Planta nannten huldvoll einen Termin und die nicht ganz kleine 

 
 
Summe der Mautgebühr.
        Der Gotthard führte direkt ins Mailändische, damals eines der reichsten Länder Europas; und eines der politisch unstabilsten. Unter einer noch immer vorhandenen theoretischen Oberhoheit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation regierte dort die Dynastie der Sforza. Aber sowohl Frankreich als auch Kaiser Maximilian erhoben Ansprüche, letzterer für seinen Enkel, den späteren Kaiser Karl V. Die Grenze des Mailändischen reichte fast bis zum Alpenkamm. Und als über den Gotthard immer mehr Transporte mit Schweizer und fremden Waren herunterströmten, wurden sie immer mehr durch Mauten und Zölle behindert oder noch einfacher von wegelagernden Banden geplündert.
Der Besitz des Gotthardpasses hatte aber nur dann seinen vollen Sinn, wenn der ungehinderte Weg bis Mailand sichergestellt war. So formten sich Schutzzüge für die Schweizer Kauffahrer, die durch das innere Gesetz solcher Expeditionen sich zu richtigen Kriegszügen ausweiteten. Da die Schweizer in ihrer unverdorbenen bäuerlichen Kraft und andererseits auch durch eine ebenso primitive, aber den damaligen Kriegserfordernissen vollkommen entsprechende, höchst disziplinierte Taktik praktisch unbesiegbar waren, fielen ihnen die mailändischen Alpengebiete Bellinzona, das Veltlin, die Grafschaften Chiavenna, Bormio, Lugano, Locarno und Como, also etwas mehr als der heutige Kanton Tessin, mit wenig 

 
 
Mühe zu. Der Herzog von Mailand, der von den Franzosen arg bedrängt worden war, stellte sich schliesslich 1510 unter die Protektion der Eidgenossenschaft. Im Jahre 1512 waren 24.000 Schweizer unter dem Befehl des Barons Ulrich v. Hohensax bereit und eroberten das ganze Herzogtum Mailand, Mantua, Bergamo, Brescia, Cremona, Pavia und Novara. Die Reste der französischen Armee flüchteten über die Alpen. Am 18. Juli ritt Hohensax an der Spitze der Schweizer in Mailand ein. Ganz Italien feierte sie als die Befreier. Der Papst gab ihnen den Titel "Verteidiger der Freiheit der Kirche". Machiavelli, der durchdringendste Politiker seiner Zeit, erklärte sie für absolut unbesiegbar und als die  einzigen, die sogar das Übergewicht Englands in Schach halten könnten. Sie sind praktisch die Schiedsrichter Europas, denn sie bestimmen, wer künftig in Mailand, diesem Herzland Europas, regieren wird, so wie sie es für das andere Herzstück, Burgund, bereits getan hatten. Hier aber im Zenith militärischer Macht, die zugleich die Schwelle einer grossen Reichsbildung hätte sein können, wie sie in den Randgebieten des Deutschen Reiches, in Österreich, Burgund, den Niederlanden und Preussen geschah, fehlt auf einmal ein psychologisches Zwischenglied, ein Schuss Phantasie oder die Flamme einer Idee. Keinen Augenblick lang wird daran gedacht, diese gewaltige Eroberung, die an Bedeutung die Schweizer Urheimat 

 
 
natürlich um ein Vielfaches übertrifft, selbst gewissermassen für eigene Rechnung in Besitz zu nehmen. Es ist, als ob eine innere Schranke, eine Hemmung, vor dieser folgerichtigen Konsequenz stünde. Einer der Gründe für diese seltsame Selbstbeschränkung liegt gewiss darin, dass die monarchische Struktur Europas derart fest verankert war und ein Rechtstitel auf ein Land eigentlich immer nur der des Erbes war oder der Heirat, so dass ein republikanisch-demokratisches Gebilde eigentlich gar keinen richtigen Fangarm für die Besitzergreifung neuerer Gebiete hatte, es vielmehr gegenüber allen Königen immer nur in der Defensive war und sich eigentlich immer nur jene Gebiete zu definitivem Besitz aneignete, die es unmittelbar zu  seiner Existenz und Verteidigung brauchte.
        Irgendwie müssen wir schon damals, als diese Idee, dieser Gedanke noch keineswegs bewusst oder gar formuliert war, in dieser Selbstbescheidung ein ahnungsvolles Herantasten an das Konzept einer politischen Neutralität erblicken.
        Treu selbst einem so schwachen Fürsten gegenüber, wie dem kaum 20jährigen Maximilian Sforza, in dessen Namen sie formell die Eroberung Mailands unternommen hatten, setzen sie ihn wieder auf den Thron. Eine sehr unglückliche Wahl, denn die Schweizer mussten dadurch in eine dauernde Konfliktsituation mit Frankreich und mit dem Kaiser geraten, da sich der Herzog nur mit 

 
 
ihrer Hilfe am Throne halten konnte. Der schwelende Konflikt mit dem Kaiser brach schon bei der Investitur des jungen Herzogs aus. Der Vertreter des Kaisers verlangte dieses Recht für sich und der Herzog, der die alte Reichsoberhoheit anerkannte, teilte diesen Standpunkt - und es war ihm vielleicht auch nicht gar so lustig, ganz allein nur von den Schweizern abzuhängen -, aber als Hohensax mit dem Abzug drohte, nahm er sehr bescheiden die Investitur aus der Hand der Schweizer Gesandten entgegen. 6000 Schweizer blieben im Land, als Garnisonen der wichtigsten Städte. Die Namen der Kommandanten werden Ihnen bekannt klingen: Diesbach, Erlach, Winkelried, Salis - eine ganz hübsche Soldaten-Aristokratie für ein  demokratisches Land!
        Die französische Ehre war tief gekränkt. Das Aufhören des Bündnisses mit den Schweizern, das sich im Burgunderkrieg so glänzend bewährt hatte, stellte eine arge aussenpolitische Schwächung dar. Von beiden Seiten wurden Versuche zu seiner Rettung unternommen, denn viele Kantone wollten an dem Bündnis mit Frankreich, dem natürlichen Bundesgenossen, festhalten, aber die Bedingung, die sie stellen mussten, nämlich den französischen Verzicht auf Mailand, konnten die Franzosen, schon aus Prestigegründen, nicht gewähren. So fingen die Kämpfe wieder an. 1515 überschritt der Marschall Trivulcio mit 20.000 Mann die Alpen, belagerte den Herzog Maximilian Sforza in 

 
 
Novara, wo eine Garnison von 4000 Schweizern lag. Die Stadt schien vor dem Fall, aber da zeigte sich im letzten Augenblick eine Entsatzarmee von 10.000 Eidgenossen, die in Eilmärschen herangekommen waren und die doppelte Übermacht der Franzosen so schlug, dass nur mehr regellose Haufen die Alpen rücküberschritten und 8000 Tote und Verletzte am Schlachtfeld blieben. Der Höhepunkt der Schweizer Macht war erreicht. Machiavelli fürchtete damals, dass sie, auf einen Hilferuf des Papstes hin, ganz Italien erobern könnten: "Sie sind ein bewaffnetes Volk, wie es vorher keines gab, und haben mehr Macht als irgendein Monarch!" sagte er. In der Hand einer Erobererpersönlichkeit wären sie  damals unbezwinglich gewesen und der Schrecken aller Fürsten Europas. Aber dieser ungeheuren Kraft steht keine einigermassen adäquate Planung gegenüber. Sie lassen sich, ohne dass ein grösseres Konzept zu spüren wäre, von Kaiser Maximilian dazu verleiten, mit 25.000 Mann das französische Herzogtum Burgund für ihn zu erobern. Frankreich ist nach der italienischen Niederlage gegen diese Invasion praktisch wehrlos. Sie belagern Dijon. Da lässt sich der Schweizer Abgesandte Watteville in Verhandlungen mit dem Herzog De La Tremouille ein, der das einzige tut, was Frankreich zu tun übrig bleibt, nämlich alles zu versprechen, was die Schweizer wollen: den Verzicht auf Mailand, die Zahlung von 400.000 

 
 
Dukaten und noch und noch. Nur mit diesem Versprechen, ohne gebietsmässiges Faustpfand in der Hand, ziehen die Schweizer, zufrieden mit ihrer Beute, wieder ab.
        Aber am 25. Jänner 1515 ändert sich die Szene. Da wird nach dem Tode Ludwig XII. ein brillanter junger Mann von 21 Jahren, Franz I., den Kopf voller romantischer Flausen, und doch mit mitreissendem Mut und klugem Organisationstalent begabt, ein Liebling der Frauen, zu Reims zum König gekrönt. Schmeichler sagen ihm voraus, dass er, wie Hannibal, die Alpen überqueren und Mailand und ganz Italien erobern werde. Ungeheure Rüstungen beginnen, modernster Art, nämlich mit dem Schwergewicht auf der eben in die Kriegstechnik 
eingeführten Artillerie, auf zerlegbarem Pioniergerät für den Alpenübergang. Dennoch versucht er es zuerst im Guten. Die Gesandten, die nach altem Brauch seine Thronbesteigung verkünden, sollen den Schweizern auch das Wiederaufleben des alten Bündnisses anbieten. Diese antworten kühl, er brauche nur den Vertrag von Dijon (in der Zwischenzeit wurde natürlich kein Heller des versprochenen Geldes bezahlt) zu erfüllen und man werde wieder gut Freund sein. Aber auf Mailand verzichten ist zu viel verlangt. So wird der Krieg beschlossen. Ein Heer von 35.000 Mann sammelt sich in Grenoble. Der Alpenübergang wird ungemein geschickt geplant. Praktisch kamen nur der Mont Cenis und der Mont Genévre in Frage, wo es 

 
 
halbwegs mögliche Strassen gab. Aber gerade hier würden die Schweizer sie wohl erwarten und angreifen, ohne dass sie sich entwickeln und die Artillerie richtig ins Spiel bringen könnten. So wurden nur kleine Abteilungen über diese Pässe geschickt, während der Hauptteil der Armee über die halsbrecherischen Pfade des Col Maddalena, der nur durch die sorgfältige Vorbereitung überwunden werden kann, zieht. Und ein anderer Heeresteil, etwa 3000 Mann Kavallerie, geht gar über den Col de Traversette in 2950 Meter, der ins Po-Tal führt, um von dort aus die wahrscheinlich völlig überraschten Schweizer im Rücken beunruhigen zu können. Die Schweizer haben tatsächlich die Gefahr rechtzeitig erkannt und eine ungefähr gleich starke Armee bei den Talausgängen der Alpenpässe stationiert. Die Kundschafterberichte waren völlig verwirrend, da von allen Pässen Nachrichten über französische Marschkolonnen eintrafen, ohne dass man wusste, wo sich das Gros befindet. Die Nachteile der demokratischen Heeresführung wurden immer deutlicher. Emissäre des Königs kamen, um zu verhandeln. Die immer vorhanden gewesene französische Partei regte sich. Da erschienen völlig unerwartet die Reiter Bayards nach dem halsbrecherischen Ritt über den Col de Traversette im Rücken der Schweizer, überfielen ihr Lager und erbeuteten 800 Pferde.
      Das war praktisch die Vernichtung ihrer immer schwachen Kavallerie.

 
 
  Die Verwirrung war komplett. Die Schweizer gaben die ganze westliche Lombardei auf und zogen sich auf Mailand zurück. Etwa zehntausend erklärten sich mit dem Gesamtplan nicht einverstanden und gingen nach Hause. Die französische Partei gewann immer mehr die Oberhand, zumal die Bundesgenossen der Schweizer, der Papst und der Kaiser auch nicht einen einzigen Soldaten des versprochenen Hilfscorps sandten und auch die Schweizer vom Beschluss ihrer lieben Bundesgenossen Kenntnis gehabt haben werden, erst einmal die Schweizer allein kämpfen zu lassen und sich dann erst, der Kriegslage entsprechend, definitiv zu entscheiden. In Gallerate kam es zu einem definitiven Friedensschluss. Der Herzog von Mailand sollte mit dem Herzogtum Nemours abgefertigt werden und die Schweizer, neben den 400.000 Dukaten vom Frieden von Dijon her, noch 600.000 Dukaten Kriegsablöse erhalten. An die Abgesandten einiger Kantone wurden bereits Vorschüsse gezahlt. Aber nicht alle Kantone hatten diese Vereinbarung unterschrieben und die Situation war unklar. Am meisten entsetzt darüber war der Vertreter des Papstes, Kardinal Schinner, Bischof von Sitten, der zu einem verzweifelten Hilfsmittel griff: Es zeigten sich immer wieder, vor den Mauern Mailands, französische Patrouillen, um ein bisschen Beute zu machen und die Situation zu klären. Der Kardinal überredete nun den Kommandanten eines Mauer- 

 
 
abschnittes, Winkelried, sich in einen richtigen Kampf mit so einer Patrouille einzulassen und dann Hilfe anzufordern. Er kannte das Temperament der Schweizer so gut, dass er wusste, dass sie sich dann blindwütig in den Kampf stürzen würden und er rechnete fest mit einem Sieg der kampferprobten Schweizer gegen den Neuling von König. Am 13. September 1515 hatte nun Franz I. gegen 3 Uhr nachmittags ein verhältnismässig grosses Truppenkontingent in die Richtung auf die Porta Romana der Mailändischen Festungswerke geschickt, da Kundschafter bereits die Nachricht vom Abzug weiterer Schweizer Regimenter gebracht hatten, und es schien, als ob der Friede von Gallerate bald voll in Wirksamkeit treten und der Einzug des Königs in Mailand stattfinden könnte. Da wurden die Franzosen plötzlich von Winkelried, im Sinne seiner Geheimabmachung mit dem Kardinal Schinner, angegriffen, und die Schweizer sahen sich nicht nur einer Patrouille, sondern einer starken französischen Truppe gegenüber, so dass ihre Hilferufe sehr echt kamen. Und Schinner hatte sich nicht verrechnet. Der Gefechtslärm übertönte alle Friedensschalmeien. Auch die durch das nördliche Tor ausziehenden Schweizer machten kehrt. Es formten sich die furchterweckenden "Gevierthaufen" mit den 6 Meter langen Piken und trieben die überraschten Franzosen vor sich her. Ein Bote raste zum König, 

 
 
der die Nachricht nicht glauben wollte, aber das Lager alarmierte. Da hörte man auch schon den Kampflärm, die gewaltigen Hörner von Uri, die auf die feindliche Infanterie so gewirkt haben müssen, wie das Heulen der Stukas. Langsam, aber völlig unaufhaltsam, drang die Masse der 25.000 Schweizer, alles vor sich niederwalzend, vor, durchstiess die erste Linie und näherte sich, schon bei tiefstehender Sonne, der französischen Hauptstellung, die auf einem ganz wenig ansteigenden Hügel mit Gräben und Palisaden befestigt war. Niemand konnte mehr zweifeln, dass die Stunde der Entscheidung geschlagen hatte. Der junge König legte den schimmernden goldziselierten Harnisch an, den Federhelm und den Mantel aus blauer  Seide, mit den goldenen Lilien bestickt, gleich wie die Fahne, um die man sich scharte. Er trat aus dem Zelt, das auf der höchsten Stelle der kleinen Erhebung stand, und wenn es ihm auch gewiss, wie er es später zeigte, nicht an Mut gebrach, so mag ihn doch ein Schauer überlaufen sein beim Anblick der lanzenstarrenden, hörnerbrüllenden Masse, die todbringend auf ihn zuschritt. Aber staunend gewahrt er in einem Abstand, gerade bevor die Truppen handgemein wurden, wie die Masse des Fussvolkes plötzlich innehielt, die begleitenden Reiter von den Pferden sprangen, die Helme abnahmen und alle sich niederknieten in die staubige Erde. Die Feldprediger, unter ihnen der später so berühmt gewordene Reformator Zwingli, 

 
 
sprechen ein Gebet, und die Krieger, die mit erhobenen Armen ihr Geschick in die Hand des Himmels legen, donnern ein "Amen".
        Ein Soldat ist dann am fürchterlichsten, wenn er mit dem Übernatürlichen vollkommen im reinen ist - wie es die islamischen Soldaten immer wieder bewiesen haben -, und so war der Schock des Zusammenpralls nach den Schilderungen das Fürchterlichste, was die Kämpfer bisher erlebt hatten. Dass ihm von den Franzosen überhaupt standgehalten werden konnte, war nur einer Neuerung zu danken, der die konservativ-langsamen Schweizer wenig Bedeutung zugemessen und an die sich zu adaptieren sie nicht einmal versucht hatten, nämlich erstmals der
in Batterien zusammengefassten Kanonen, denen die besten Plätze reserviert waren und die erstmals auch eine Art von koordiniertem Kreuzfeuer anwendeten. Reihenweise fielen die Schweizer, sammelten sich aber immer wieder und drangen mehrere hundert Meter ins Zentrum vor, wo einige schon die Kanonen erreichten, mit deren Eroberung der Tag entschieden gewesen wäre. Oder vielmehr die Nacht, denn indessen war die Sonne untergegangen, aber entgegen der Übung der damaligen Zeit ging der Kampf im blassen Mondlicht mit gleicher Wut weiter. Gegen 11 Uhr nachts beginnt auch die zweite französische Linie zu weichen; die Schweizer erobern 16 Kanonen und 12 Fahnen, Bayard, der Ritter ohne 

 
 
Furcht und Tadel, flieht das erste Mal in seinem Leben. Der König schlägt sich tapfer, er sucht die Gefahr, denn er weiss, dass es besser wäre zu sterben, als zu verlieren. Aber er verliert keinen Augenblick den Kopf und schickt einen Boten nach dem anderen zu dem Befehlshaber der verbündeten Venetianer, er möge sich beeilen. Er weiss, nur sie können ihn noch retten. Es ist die Situation von Waterloo gegen 5 Uhr nachmittag: "Ich wollte, es werde Nacht und die Preussen kämen!" Aber es war schon Nacht, endlich Mitternacht, der Mond ging unter und die Heere mussten sich trennen, nicht viel mehr als 100 Meter voneinander. Die Verluste waren ungeheuer gewesen. Nicht viel mehr als die Hälfte werden morgen weiter- kämpfen können. Kardinal Schinner schlägt den Rückzug nach Mailand vor, wo man sich für praktisch unbeschränkte Zeit halten könne. Aber die Schweizer wenden ihre Tradition ein, das Schlachtfeld nicht zu verlassen. Die Fortsetzung des Kampfes bei aufgehender Sonne wird beschlossen. Der neue Tag beginnt mit einem Erfolg der Schweizer an den beiden Flügeln, die lanzenstarrenden Igel der Gevierthaufen treiben die Kavallerie des Herzogs von Alençon vor sich her, bis mitten in das Dorf Marignano hinein. Hier kommen sie durch die stürmische Verfolgung etwas in Unordnung. Just in diesem Moment hört man aus einer undurchdringlichen Staubwolke den Ruf: "San Marco, San Marco!", und die ausgeruhten 

 
 
Truppen Venedigs treten in die Schlacht. Auch im entscheidenden Zentrum hatten die Schweizer anfangs noch Terrain gewonnen, aber die Verluste durch die französische Artillerie sind zu gross. Die durch die Venezianer abgelöste Kavallerie formiert sich neu und fällt den Schweizern in die Flanke. Sie kämpfen schon 1 gegen 2. Gegen Mittag erschallt auch im Zentrum das schreckliche: "San Marco, San Marco!", und die numerische Überlegenheit wird erdrückend. Die Flügel geben nach. Über den zusammengedrängten blutigen Schweizern erscheint das Gespenst der Niederlage.
        Und nun geschieht etwas, was in der Kriegskunst als noch viel schwerer 
gilt als der glänzendste Sieg, nämlich im letztmöglichen Augenblick vor der vollständigen Auflösung die Lösung vom Feind, die Bildung verteidigungsfähiger Rotten, die, von allen Seiten angegriffen, versuchen müssen, mit den Kanonen und möglichst vielen Verwundeten sich den Rückzug nach Mailand zu erstreiten. Es ist ein Prüfstein der Disziplin, des soldatischen Könnens. Unter diesen schrecklichen Umständen konnte wohl nur den Schweizern der Rückzug glücken, denn auch ihre blutenden Haufen umgab noch die Furcht vor ihrem wütenden Mut, der Respekt vor allen ihren gewaltigen Kriegstaten. Dieser Rückzug wird es sein, der als das wahre Heldenepos der Schweiz besungen werden wird und den 

 
 
der grösste Schweizer Maler, Ferdinand Hodler, in einer Vision furchter-regend-todesmutiger Gestalten als höchste Bewährung des Schweizerischen Charakters festgehalten hat.
        Und in diesem grössten Augenblick seines jungen Lebens und einem der grössten Augenblicke Frankreichs bittet der alte Bayard, der "Ritter ohne Furcht und Tadel", den jungen König niederzuknien auf dem ruhmvoll blutgetränkten Schlachtfeld und schlägt ihn zum Ritter. Und fürwahr hatte kein König vor dem Ritterschlag eine härtere Mutprobe zu bestehen gehabt!
        Aber noch aus einem anderen Grund ist dieser Rückzug von Marignano von so schicksalhafter 
Bedeutung geworden, denn auf einmal, einer wahrhaft genialen Intuition folgend, befiehlt der König die Verfolgung einzustellen, so dass die wunden Haufen ungeschoren das bergende Mailand erreichen. Als dann noch die Order des Königs bekannt wird, den Schweizer Besatzungen aus den lombardischen Städten ehrenvollen Abzug mit Waffen und Gepäck zu gewähren, die Verwundeten zu pflegen und die Gefangenen freizulassen, merkten auch die Schweizer, dass der König die Versöhnung, den Frieden, ja das Bündnis mit ihnen suchte.
        So war es auch. Die schon immer starke französische Partei gewann gegen einige racheschnaubende Kantone völlig die Oberhand. Diese stellten zwar Kaiser Maximilian 

 
 
1516 noch 10.000 Mann zu seinem italienischen Feldzug zur Verfügung. Als dieser unglücklich verlief und insbesondere die Eroberung von Mailand nicht gelang, kam es im November 1516 zum Ewigen Frieden von Freiburg. Die Mailändische Frage war durch die harten Tatsachen entschieden, aber die Schweizer behielten die alten Eroberungen an der südlichen Gotthardstrasse, Lugano, Locarno, praktisch den Tessin und sogar das Veltlin. Die Schweizer verpflichten sich mit 6000 bis 16.000 Mann dem König zu Hilfe zu kommen, wenn er angegriffen wird.
        Eine förmliche Vereinbarung über Hilfstruppen fehlt sonst, aber schon 1522 kämpfen die Schweizer mit den Franzosen gegen die Kaiserlichen in 
Italien. Gelernt haben sie in den sieben Jahren seit Marignano nicht viel, denn als die französischen Generäle ihnen bei dem Gefecht bei Bicoqua raten, die eigene Artillerievorbereitung abzuwarten und nicht massiert frontal anzugreifen, antworten sie: "Immer sind wir den Feind von vorne angegangen, und werden es auch in Zukunft so halten!" Der Erfolg solch unsinnigen Stolzes waren 3000 Tote am Feld.
        Und 1525 bei Pavia, als König Franz den Spaniern als Gefangener seinen Degen überreichen musste und durch die Reihen der zu Haufen gefallenen Schweizer schritt: "Hätten alle meine Soldaten so gekämpft wie diese Fremden, wären Sie es", sagt er zum spanischen Feldherrn, "der mir 

 
 
jetzt den Degen geben müsste."
        Insgesamt kämpften für Franz I. während seiner Regierungszeit 165.000 Schweizer. Sie machten oft mehr als ein Drittel der Truppe aus.
        "Was die Knochen im Körper des Menschen, das sind die Schweizer in unserer Armee", sagt der Marschall Schomberg.
        Mitten in diesen Ereignissen wurde die Schweiz vom gefährlichen Fieber der Reformation erfasst. Die tiefe Religiosität des einfachen Menschen liess keine halben Lösungen, keine Kompromisse zu, und das Land verfiel in eine unheilvolle Zweiteilung. Eine einheitliche aktive Aussenpolitik wurde noch unmöglicher als früher. Die überschüssige Kraft des Volkes musste mehr denn je fremden Staaten 
zur Verfügung gestellt werden.
        Die Capitulationen der Kantone mit anderen Staaten wurden in diesen auch wirtschaftlichen Krisenzeiten immer wichtiger. Einige Kantone liessen sich in Getreide bezahlen, und es wird behauptet, dass ein Teil der Schweizer verhungert wäre, ohne dieses für Mut und Blut der Söhne erkaufte Brot.
        Das Bündnis mit Frankreich blieb immer der Grundpfeiler. Die meisten Soldaten gingen dorthin. Nur in Frankreich waren die Schweizer Regimenter eine ständige Institution, und es bildete sich für sie eine besondere Rechts- und Organisationsform. In französischen Diensten erlebten sie die heldenhafteste Bewährung. So will ich hauptsächlich

 
 
von ihrem Geschick in Frankreich erzählen. Aber, Frankreich war niemals das einzige Land mit Schweizer Kontingenten. Bald nach der Reformation schickten die protestantischen Kantone Truppen nach Holland, England, Preussen und sogar nach Schweden. Die katholischen nach Sardinien, Neapel, Sachsen, Spanien, Portugal, an den Papst, nach Parma, Venedig und Genua. Aber Frankreich war immer die Hauptsache. Meist kehrten die Truppen nach der Campagne wieder in die Heimat zurück. Nur in Frankreich blieben sie als dauernder Bestandteil der Armee. In den ungefähr 300 Jahren, wo dieses System geübt wurde, haben mehr als 1,000.000 Schweizer für Frankreich gekämpft. Ihre entscheidende  Bedeutung wird klar, wenn man bedenkt, dass sie an 71 Feldzügen, 154 Schlachten und 30 Belagerungen entscheidend teilgenommen haben.
        In ein juristisches Statut kam diese Einrichtung 1567, als Karl IX. und seine Mutter, Katharina von Medici, die Gefangennahme durch die Hugenotten fürchteten und sie einen Gesandten zur Eidgenossenschaft schickten, der ein Kontingent von 6000 Mann erwirkte, die den Namen "Schweizer Garde des Königs" erhielt. Pfyffer, ihr Kommandant, führte die königliche Familie, mitten durch ständige Angriffe der Hugenotten, sicher nach Paris.
        Ein Dichter, der scharfäugig durchschaute und gewissermassen aus eigenem Blut erlebte Geschichte mit 

 
 
frischgestaltender Neuzeugung der handelnden Menschen zu vereinen wusste, La Varende, lässt den Bruder Karls IX., den letzten König aus dem Hause Valois, Heinrich III., darüber sagen: "Die Schweizer haben damals meinen Bruder Karl gerettet. Das ist nicht sehr bekannt" - schon damals setzte also diese merkwürdige Anonymität ihrer Taten ein, die ihre ganze Geschichte begleitet - "aber ohne sie gäbe es heute keine Valois mehr auf dem französischen Thron. Die Hugenotten, die uns pausenlos angriffen, staken auf ihren Piken, wie Beeren auf einem Igel. Denn wie ein lanzenstarrender Igel bewegten sie sich fort; mit uns in der Mitte."
        Und Heinrich III., dem es kaum besser geht als einst seinem Bruder 
und seiner Mutter, berät in schwerer Stunde mit seinem Freund und Ratgeber, dem Juwelier und Banquier Harlay de Sancy, was man tun könne. Dieser Monsieur Harlay de Sancy ist auf merkwürdige Art in die Geschichte eingedrungen. Noch heute heisst nämlich nach ihm einer der schönsten Diamanten mit der abenteuerlichsten Geschichte, der jetzt in der Schatzkammer des Maharadschas von Patiala sein soll. Dieser Sancy war mit seinen 106 Karat und dem tausendfach funkelnden und doch reinsten Eis seines Kristalls das Prunkstück des nicht gerade bescheidenen Schatzes des Herzogs Karl des Kühnen von Burgund. Er trug ihn als Mittelstück der Blumenzier seines schwarzen Helmes. Und er rettete ihm vielleicht bei der 

 
 
unglücklichen Schlacht von Granson das Leben, da eine Schweizer Lanze ihn gerade dort traf, den Stein herausbrach, aber den Herzog unverletzt liess. Seine Wiederauffindung wurde immer als etwas Wunderbares angesehen, wie ja das Mittelalter gerne Wunderbares an Steine knüpfte, ein Glaube oder Aberglaube, der uns auch heute noch nicht ganz fremd ist: Auf dem Schlachtfeld von Granson, wo auf der Enge zwischen Neufchateler See und den Bergen das ungeheuerlichste Gedränge zwischen der burgundischen Kavallerie und den Schweizer Gevierthaufen geherrscht hatte, und jeder Pferdehuf oder jede Kriegersohle den Stein unwiederbringlich in die weiche Märzerde gepresst hätte, fand  ein Waadtländischer Bauer im Mondlicht, das aus den funkelnden Facetten rückstrahlte wie ein Stück vergessener Sonne, den Stein und hob ihn auf, um ihn seinem kleinen Sohn mitzubringen, der solche Freude an allem Glänzenden hatte. Als ihm aber ein Priester, dem er das Spielzeug zeigte, die fabulose Summe von 5 Gulden dafür bot, wurde er schwach und gab ihn her. Und viele ähnliche Zwischenverdienste dürften noch gemacht worden sein, bis er in den Besitz des Silberschmieds Harlay de Sancy kam, der verführerischen Offerten des Königs von Porcugal, ja des Grossmoguls widerstand und ihn vielmehr, da der Kronschatz total erschöpft war, dem König Heinrich III. anbot; freilich nicht zum Kauf, 

 
 
sondern um ihn der Eidgenossenschaft zu verpfänden, um neue Söldner zu bekommen, die wieder einmal die Autorität des Königs wiederherstellen sollten.
        In der Melancholie, die den letzten Valois umweht, lässt ihn La Varende dem noblen Freund für das einzigartig-hochherzige Anerbieten innig danken, aber die skeptische Frage anschliessen: "Immer die Schweizer, die Schweizer... glaubst Du wirklich, dass sie viel ändern können?" "Alles, Majestät!" antwortet Harlay.
        "Ich war auf Gesandtschaft in Solothurn, ich kenne sie: Der beste Soldat auf der Welt ist ein französischer; aber das beste Bataillon ist ein Schweizer." Und der Sancy machte sich in einer Nuss auf 
die abenteuerliche Reise nach Solothurn und der König erhielt ein Geheimbillet: "Der Sancy wurde von den 13 Kantonen als Pfand angenommen. Lassen Sie die Kasernen bereitstellen. Ich komme mit 10 Kompanien", die fast unbemerkt, fast unerwähnt den Gang der Geschichte ganz entscheidend beeinflussten. Der König wohnte ihrem Einzug vom Balkon des Louvre bei: sie marschierten, so wird berichtet, regelmässig, etwas steif, ohne ein Staubkorn auf ihren roten und weissen Uniformen, die meisten mit grossen blonden Bärten. Jede Kompanie hatte ihre eigene Fahne in stets verschiedenen Flammenbüscheln um das weisse helvetische Kreuz. Die hohen Flöten spielten heitere 

 
 
Melodien. Dazwischen bliesen die zwei Grössten jeder Kompanie auf den riesigen Stierhörnern.
        Dann soll der König gesagt haben: "Die Engel, die das Wappen Frankreichs stützen, sollten eigentlich Schweizer Bärte tragen!"
        Der Sancy kam zurück, wie wir's von Schweizern auch gar nicht anders erwartet hätten. Ludwig XIV. trug ihn zur Krönung, und er erinnerte den König wohl daran, welchen Anteil am Glanz dieses Tages die Schweizer hatten. Ludwig XV. verwendete ihn als Stirnstück seiner Krone, die 1792 geplündert wurde, und der Sancy ging wieder auf Abenteuerfahrt.
        Für die Schweizer wurde nun ein für die damalige Zeit und insbesondere für Söldner höchst unübliches 
Reglement festgesetzt. "Im Namen der heiligen und unzertrennlichen Dreieinigkeit", die angerufen wird, um die alte Schweizer Ehre und ihren Ruhm immer wieder zu erneuern, ist jede Plünderung mit der Todesstrafe bedroht. Jeder hatte das Recht, Feige, die in der Schlacht zu fliehen suchen, eigenhändig zu töten. Betrunkene bekommen Stockhiebe, keine Kirche darf zerstört werden, die heiligen Gewänder, Klöster, Priester, Mühlen und Pflugscharen nicht zerstört werden, keine Frau, kein Kind oder Greis darf verletzt werden. Der Sold war ebenfalls genau geregelt, was aber nicht viel half, denn neun Jahre nach der glücklichen Errettung des Königs von den Hugenotten war man ihn den Schweizern immer noch schuldig. 

 
 
Ganz besonderen Wert legte dann Heinrich IV. auf das Bündnis mit den Schweizern, deren Gesandte er zur Erneuerung des Bündnisses nach Paris kommen liess und mit Ehren und reichen Geschenken überhäufte, denn sie hatten ihm bei seinen schwierigen Kämpfen um den Thron in entscheidenden Stunden geholfen. Aber man muss gerechterweise auch festhalten, dass die Schweiz, ohne dieses System der Kapitulation, ohne das französische Bündnis vielleicht gänzlich auseinandergefallen wäre, da es immer wieder nur die französischen Abgesandten waren, die mit grösster Mühe immer wieder eine gewisse Einheit zusammenbrachten, da nur mit einer einheitlichen Eidgenossenschaft eine für alle Kantone wirksame  Kapitulation zustandegebracht werden konnte.
        Im grossen Plan der Neuordnung Europas, wie ihn Heinrich IV. ausgearbeitet hatte, wäre den Schweizern, in ewiger Bundesgenossenschaft mit Frankreich, die Freigrafschaft Burgund mit der Hauptstadt Besançon, das Elsass und das ganze Trentino zugedacht gewesen. Diesen Plänen macht aber der mörderische Dolch Ravaillacs ein blutiges Ende.
        Während des Dreissigjährigen Krieges dienten 23 Schweizer Regimenter, rund 55.000 Mann in den Armeen Richelieus. Immer unterschieden sie sich grundsätzlich von allen anderen Söldnern, da sie als permanente Bundesgenossen 

 
 
mitfochten und ihren Kantonen gegenüber weiter verantwortlich bleiben. Der Hauptmann hatte allmonatlich an den Kanton zu berichten. Jedes Regiment hatte seinen eigenen Gross-Richter, seine Büttel und seinen Henker. Nur dieser Gerichtsbarkeit unterstanden sie. Das Merkwürdigste aber war, dass sie immer, auch nach Ludwig XIV. grausamer Aufhebung des Ediktes von Nantes, mit welchem Heinrich IV. den Religionsfrieden hergestellt hatte, absolut freie Religionsausübung hatten. Der protestantische Prediger war dem katholischen Feldkaplan gleichgestellt; ein ganz unglaubliches Faktum, wenn man bedenkt, dass der Protestant sonst eine Unperson im Staate war, dem nichts anderes übrig blieb, als  auszuwandern. Ja, Ludwig XIV. trieb die Delikatesse so weit, dass er anordnete, dass darauf zu achten sei, dass keine protestantischen Soldaten zu katholischen Prozessionen abkommandiert werden sollten.
        Nach Richelieu, während der Minorität Ludwig XIV., kamen die Finanzen so durcheinander, dass Mazarin immer mehr Schweizer nach Hause schicken musste. Das war gegen die Capitulation, und die Kantone stellten ein Ultimatum: Sold sofort für alle oder sonst sofortige Rückberufung aller. Wieder hielten die Schweizer die Geschicke Europas in ihren Händen, denn ohne die Schweizer wäre Frankreich kaum die Grossmacht geblieben, die es damals war. Aber was konnte Mazarin tun mit ganz leeren 

 
 
Staatstaschen? Da sprang Anne d'Autriche, die Mutter des unmündigen Königs in die Bresche, denn sie fühlte wohl, dass sein Herrschaftsantritt ohne Schweizer ein düsterer Anfang gewesen wäre. Und in einer Zeremonie, die vielleicht wie keine andere die machtvolle Stellung der Schweizer veranschaulicht, legte die Königinmutter mit der flehentlichen Bitte, ihren Sohn nicht zu verlassen, die ganzen Kronjuwelen Frankreichs in die Hände von fünf ausgesuchten Schweizer Offizieren als Pfand für die Erfüllung ihrer Ansprüche.
        Mazarin zahlte schliess1ich und die Königinmutter bekam die Kronjuwelen zurück. Sehr ehrbar, sehr schweizerisch, gänzlich unpolitisch, schon sehr "neutral." Denn 
Kronjuwelen sind ja nicht Schmuckstücke, die man nach ihrem materiellen oder künstlerischen Wert bemisst. Sie sind ja Symbol, Symbol der Macht, des altüberkommenen Herrschaftsrechtes, mit ihrem Besitz ist oft geradezu der Rechtsanspruch verknüpft, wie nach altem Staatsrecht in Ungarn das Königtum mit dem Besitz der Stefanskrone. Und wenn einem die Königin der schönsten Monarchie Europas solch glanz und machtumwitterte Juwelen übergibt, so sieht jeder, wenn er eben nicht Schweizer ist, darin einen Fingerzeig des Schicksals, die Gelegenheit zu benützen, um mit ihnen auch einen Teil der Macht zu behalten, die sie verkörpern, etwas die ungeheure Diskrepanz auszugleichen, die 

 
 
zwischen ihrer riesigen militärischen Kraft und ihrem politischen Einfluss lag, ein bisschen die Grenzen ihrer Miniaturstaaten auszudehnen, kurz, die ihnen zukommende Rolle zu spielen im Konzert der damaligen Mächte. Aber wie Napoleon sagt: "Es gibt Fehler, die man ohne Einbildungskraft nicht begeht!" So sahen die Schweizer den ihnen vom Himmel - oder vom Teufel? - dargebotenen Finger nicht und vermieden wahrscheinlich wirklich einen Fehler und haben sich damit im Laufe der Geschichte gewiss viele Komplikationen erspart.
        Bis 1658 konnten Schweizer Offiziere nur bis zum Regimentskommandanten aufsteigen. Ludwig XIV. öffnete ihnen alle Grade. 
Als erster wurde Ulysses von Salis General. Ausserdem gab es die Stelle eines "Generalobersten der Schweizer", was, wenn es auch nur ein Ehrenamt war und mit dem tatsächlichen Kommando nichts zu tun hatte, als eine der höchsten Würden im Staate galt. Unter diesen Generalobersten finden wir die berühmtesten Namen Frankreichs, wie Montmorency, Sancy, Rohan, Bassompierre, den Herzog von Maine, den unehelichen Sohn Ludwigs XIV., Choiseul, den Grafen von Artois, der später als Karl X. König wurde; und als von Napoleon die von der Revolution aufgelösten Schweizer Truppen wieder aufgestellt wurden, wurde jener Marschall Lannes, Herzog von Montebello, Generaloberst der 

 
 
Schweizer, der bei Aspern ein Bein verlor und am 28. Mai 1809 im Schloss Kaiserebersdorf starb. Und der allerletzte Generaloberst der Schweizer war mit vier Jahren der Enkel Karl X., der Herzog von Bordeaux, der dann in der Emigration den Titel Graf von Chambord annahm und in Frohsdorf lebte.
        Und es muss auch herrlich gewesen sein, diese Truppe, wenn auch nur ehrenweise, zur Parade zu kommandieren. Die Soldaten trugen einen roten langen Rock (während der Schweizer im Dienste anderer Länder meist einen blauen trug), mit weissen, schwarzen oder blauen Aufschlägen, je nach Regiment, helle kurze Hosen und Gamaschen, das Lederzeug in Naturfarbe, eine Schärpe en 
bandouliere über der Brust, gepuderte Perücke und schwarzen Dreispitz.
        Aber das war nichts gegen die Soldaten aus dem Regiment der Cent Suisses, der Leibgarde des Königs. Die trugen nach der damaligen Mode - was uns heute clownhaft anmuten würde - eine Art Wams, links blau, rechts rot, reich mit Silber bestickt, weisse Halskrause, weisse Manschetten, Fransen an den Knien, weisse Strümpfe, Schuhe mit grosser Masche, Perücke und Dreispitz mit stolzer Straussenfeder.
        Der König hatte das Recht, sie, wo er wollte, einzuquartieren. Sie verstanden sich im allgemeinen gut mit den Bürgern, denn sie zahlten pünktlich und benahmen sich ordentlich. Aber manchmal gab es doch Petitionen an 

 
 
den König, die Schweizer woandershin zu verlegen. Begründet waren diese, etwas fadenscheinig, damit, dass die Schweizer, wenn sie heirateten - und das durften sie - von allen Steuern befreit waren und auch noch ihre Witwen, so dass die Steuerlast der übrigen noch grösser wurde etc. Aber man merkt dahinter den wahren Grund, nämlich die unerträgliche Konkurrenz bei der Damenwelt, die vielleicht nicht nur auf die Steuerbefreiung zurückzuführen war. Obzwar eine Truppe von Steuerbefreiten auch heute bei uns keine kleinen Ravagen bei den Damen anrichten würde!
        Der tiefe innere Widersinn der doch in diesem ganzen System steckte, wurde bei Malplaquet offenbar: hier 
standen etwa 15.000 Schweizer auf französischer mindestens ebensovielen auf austro-anglo-holländischer Seite gegenüber. Die roten Schweizer gegen die blauen. Und man vermied durchaus nicht - wie etwa im I. Weltkrieg, wo man es zu vermeiden suchte, dass italienisch sprechende Soldaten aus dem Trentino gegen Italien oder rumänisch sprechende aus Siebenbürgen gegen Rumänien eingesetzt würden - Schweizer Schweizern gegenüberzustellen. Denn obwohl hier oft Landsmann gegen Landsmann, ja Bruder gegen Bruder kämpfte, war der einzige Ehrgeiz des Landsmannes, des Bruders, dass er der tapferere Soldat sei und der treuere gegenüber seinem Soldherrn. Und nur der Laie, der nichts weiss von der 

 
 
Mentalität des Soldaten und des Schweizers, wird sich fragen:, Ja ist denn in jenem Augenblick, wo 30.000 Schweizer sich fast Aug in Aug gegenüber sahen, keinem Soldaten, keinem Offizier der Gedanke gekommen, dass sie hier, wenn sie sich zusammengetan hätten, diktieren hätten können, wie sie wollten? Dass sie, statt sich gegenseitig abzuschlachten, einen Frieden hätten erzwingen können, ganz nach ihrem Gutdünken oder eine Schlacht schlagen gegen die beiden im Interesse der Schweiz, die sie zweifellos gewonnen hätten. Denn sie waren es, die die Hauptlast des Tages trugen, die eigentlich ungeschlagen blieben und den französischen Rückzug deckten, obwohl Prinz Eugen einen konzentrischen Angriff der ganzen  Armee gegen sie am Abend befahl.
        Wenn auch nicht den Soldaten, so dämmerte es, als die Schilderung dieses Gemetzels bis nach Hause drang, doch den Kantonen, dass hier irgendwas im System nicht in Ordnung war. In die Capitulationen wurde eine Klausel aufgenommen, die solches in Zukunft vermeiden sollte. Aber der Gedanke der politischen Eigennutzung der Kräfte wurde nicht einmal gestreift.
        Bei der Schlacht von Denain 1712, die Ludwig XIV. rettete, waren es wieder die Schweizer, die den Hauptanteil am Sieg hatten. Bei Fontenoy 1745 sicherten sie Ludwig XV. seinen grössten militärischen Triumph. Und im Siebenjährigen Krieg, als Friedrich der Große bei Rossbach die Franzosen unter dem unglück-

 
 
lichen General Rohan-Soubise zu Paaren trieb, blickte er im Dämmerlicht durch das Fernrohr und fragte: "Was sind das für Ziegelmauern, die nicht einstürzen, obwohl die Kanonen auf sie konzentriert sind?" Es waren die roten Röcke der Schweizer, die wieder einmal den Rückzug deckten!
        Nun kam eine verhältnismässig lange Friedenszeit und dies tut Soldaten meist nicht gut. Auch die Schweizer blieben hievon nicht verschont. Ein grosser Organisator, ein Allroundgeist im Stil der französischen Enzyklopädisten, der Baron Besenval, Mitglied des intimen Kreises um die Königin Marie-Antoinette machte sich um eine Reorganisation sehr verdient und er war es wohl, der bei den Schweizern, zumindest bei ihren 
Offizieren, das falsche verhetzte Bild, das man sich in Frankreich in ihren späteren Jahren von der Königin machte, richtigstellte. Kaum aber war diese Reorganisation fruchtbar beendet, als die Schweizer zum Gegenstand intensivster politischer Propaganda wurden. Ein paar Freiburger, die vergeblich einen Umsturz in der Heimat versucht hatten, bildeten in Paris einen "Helvetischen Club", in den sie die Schweizer Soldaten ziehen wollten, um sie mit republikanischen Ideen anzufüllen. Sie fanden aber mit diesen nicht den rechten Ton, beleidigten auch vielfach ihre große Tradition, beleidigten auch ihre Offiziere, an denen sie sehr hingen, sodass sie keinen rechten Erfolg hatten und eher der Esprit du Corps gestärkt wurde. 


 

Erzherzogin Maria Antonia, 14-jährig, vom französischen Pastellmaler Josef DUCREUX


 
Mit dem wahren Gesicht der Revolution machten die Schweizer schon am 14. Juli 1789 beim Sturm auf die Bastille Bekanntschaft. Niemand hatte dieses Ereignis vorausgesehen und der Kommandant hatte keine Order für den Ernstfall. Die Bastille war verteidigt von 31 Schweizern und etwa 70 Veteranen, die dort mehr oder minder in einem militärischen Ausgedinge lebten. Als von einer aufgeputschten Meute, die gewiss nicht das französische Volk repräsentierte, der Angriff begann, verlor der Kommandant ohne Order den Kopf und übergab die Festung mehr oder minder kampflos den Aufständischen, die ihn alsbald massakrierten und den grössten Teil der 31 Schweizer und Invaliden die Mauer hinunterstürzte.  Die vier Gefangegen (hievon drei kriminelle und ein politischer) die dort waren, wurden befreit. Das ist der große Tag des Revolutionsbeginnes, der bis heute Nationalfeiertag ist. Ich will den symbolhaften Charakter des Niederreissens der Bastille nicht unterschätzen. Aber die Ereignisse an sich sollte man eigentlich nicht glorifizieren. Die allmählich allmächtig gewordene Assemblee Generale witterte in den Schweizer Regimentern den Feind der Revolution und schickte immer mehr von ihnen auf Urlaub nach Hause, liess sie ihre Artillerie und Munition an französische Regimenter abtreten und verlegte sie in Garnisonen, die von Paris möglichst weit entfernt waren. Die Schweizer appellierten an den König, doch der war zu 

 
 
schwach, um sein Veto einzulegen. 1790 kam es in Nancy zu einem schweren Zwischenfall. Ein hauptsächlich aus Waadtländern zusammengesetztes Regiment, das mit umstürzlerischen Ideen kokettierte - nicht ohne Grund, denn der Kanton Bern behandelte das Waadtland wie ein unterjochtes Gebiet - hatte - mit den Aufständischen gemeinsame Sache gemacht. Man brachte die Sache vor das schweizerische Gericht. Das Urteil lautete, dass einer der Haupträdelsführer auf das Rad geflochten werde, 22 gehenkt und 41 auf die Galeeren geschickt werden sollten, und dieses Schweizer Urteil wurde wirklich ausgeführt. Inmitten dieser sich auflösenden Ordnung blieben die Schweizer wirklich ein Fall der Disziplin. Auf der anderen Seite ging die französische Garde, die eigentlich den König schützen sollte, zum allergrössten Teil ins Lager der Revolution über. Es sind fast nur mehr die Schweizer, die zur königlichen Familie halten. Auch diesen letzten Schutz will man der königlichen Familie entziehen und beschliesst ein Gesetz, dass die Schweizer mindestens 50 Meilen von Paris entfernt kaserniert werden müssten. Die Schweizer wollen das nicht anerkennen, da dies im Gegensatz zu den Capitulationen stand, die sie mit dem Schutz des Königs betrauten. Und es klingt schon wie ein Anachronismus, wenn am 16. Mai 1792 eine Bittschrift Ludwig XVI. übergeben wird, worin in "respekt- vollem Vertrauen auf die Güte 

 
 
und Gerechtigkeit Eurer Majestät das Regiment die besondere Ehre verlangt, in diesen bewegten Zeiten das Privileg zu erhalten, den Schutz Eurer Person und der königlichen Familie fortsetzen zu dürfen." Die totale Machtlosigkeit der französischen Soldaten zeigt sich schrecklich am 20. Juni, wo die übelste Hefe des Volkes die Tuilerien stürmt und vier Stunden lang unter ungeheuerlichsten Schimpforgien an der königlichen Familie vorbeizieht. Man setzt dem König spöttischschmerzend, wie man einst die Dornenkrone verwendete, die rote phrygische Mütze aufs Haupt. Er lässt es sich fast lächelnd gefallen, aber als einer behauptet, dass er vor Angst zitterte, da nimmt er die Hand des Erstbesten, legt sie an sein Herz und fragt ihn: "Klopft es schneller?" Und dieser Mann, ein kleiner Schneider, der aus Neugier und noch nicht gänzlich von den neuen Ideen vernebelt, mitgekommen war, erzählt nachher in der Bürgerrunde, dass er es gewesen sei, dessen Hand damals das Herz des Königs befühlt habe, und dass es wirklich nicht schneller geklopft habe als ein gewöhnliches. Das genügte, dass er vors Revolutions-Tribunal gebracht, zu Tode verurteilt und guillotiniert wurde. Der Tod des armen kleinen Schneiderleins hat mich persönlich immer mehr bedrückt als die Deklaration der Menschenrechte mich begeistern konnte. Liebe in Worten wird nie den Schrecken der Taten bedecken können. An diesem Tag war, wie durch ein Wunder, der König 

 
 
noch  gerettet worden. Aber seine Feinde liessen nicht locker. Die wütendesten Revolutionäre, die kein Blutvergiessen scheuten, waren die Leute aus Marseille. Anfang August trafen 500 von ihnen in Paris ein und erzeugten eine blutige Frenesie. Jeden Tag wurden Wachsoldaten um die Tuilerien ermordet. Die Insulte der königlichen Familie nahmen täglich zu. Im Rathaus gab es Freunde der sich ausbreitenden Anarchie und solche, die noch davor Angst hatten. Mandat, der Chef der Nationalgarde, der mit seinen unverlässlichen Soldaten die Tuilerien nicht mehr schützen konnte, sandte, mit Zustimmung des Bürgermeisters Petion, den Schweizern, die in den Kasernen von Rueil und Courbevoix stationiert waren, am 8. August den Befehl, in der Nacht einzurücken und den Schutz der Tuilerien zu übernehmen. Trotz all der Versuche, das Regiment zu schwächen, waren noch etwa 1000 Mann vorhanden, allerdings mit nur wenigen Kanonen und mit geringer Munition. Offiziere und Mannschaft sind sich offenbar des Schicksals voll bewusst, dem sie entgegengehen. Sechs der ehrwürdigen ruhmbedeckten Fahnen des Regimentes werden im Keller der Kaserne begraben, nur drei mitgenommen. Die katholischen Priester nehmen die Beichte ab; strengster Appell wird gehalten und nachgesehen, ob alles Lederzeug frisch geputzt und die Perücken sorgfältig gepudert sind. Sie marschieren durch menschenleere Strassen, nur hie und da hören sie 

 
 
den düsteren Schrei "Tod den Schweizern". Um 3 Uhr früh sind sie bei den Tuilerien. Sie besetzen die Schildwachen, die Fenster und die äusseren Räume des Palastes. Lamartine beschreibt dies dunkle Gemälde: "Die Schweizer lagerten hauptsächlich im Vestibül, ihre Fahne war dort. Sie sassen auf den Bänken oder auf den Stufen der Stiege, das Gewehr in der Hand, und verbrachten die Nacht in tiefer Stille. Die Kerzen der Luster spiegelten sich in ihren Waffen, der Lärm der Gewehre gegen den Marmor, das "Wer dort?" mit gedämpfter Stimme der Wachen gaben dem Palast den Aspekt eines Lagers vor dem Feind. Die roten Uniformen der Schweizer, sitzend auf den Stiegenabsätzen, lagernd auf den Stufen, auf dem Geländer, liessen die Prinzenstiege schon im voraus einem Sturzbach von Blut gleichen. Gleichgültig gegen jede politische Frage, als Republikaner gegen eine Republik kämpfend, haben diese Männer als Seele nur ihre Disziplin, als Überzeugung nur die Ehre. Sie schicken sich an zu sterben für ihr Wort, nicht für ihre Idee, nicht für ihr Vaterland. Aber die Treue ist eine Tugend an sich. Sie hatten nicht die Hingabe des Patrioten, sondern die des Soldaten."
        Die Königin steht mit der jungen Prinzessin Elisabeth, der Schwester des Königs, am Balkon und beobachtet den immer lauteren Lärm in Paris. Um Mitternacht läutet die Sturmglocke. Es ist das allgemeine Zeichen. Überall 

 
 
rufen die Trommler zum allgemeinen Aufstand. Der König aber, mit dem Bild des unglücklichen englischen Monarchen Karl II. vor sich, seine Geschichte, die ihn in diesen Zeiten nicht mehr verliess, vor sich aufgeschlagen, ist ganz verstrickt in glaubenstiefem Gespräch mit seinem Beichtvater Abbe Herbert. Er hört nicht die grausigen Zeichen um sich. Alle Werte haben sich ihm schon gewandelt, und wenn auch vom Volk verlacht undgedemütigt, ist er doch von allen der Bestvorbereitete für das königliche Martyrium, das heute beginnen soll.
        Das erste Morgenlicht macht eine unübersehbare Menschenmenge sichtbar. Die Quais bis zum Rathaus, der Platz Louis XV., jetzt Place de la
Concorde, schwarz von Menschen bis hoch hinauf in die noch kaum verbauten Champs Elysees. Danton gibt den Generalplan aus, der von bezwingender Einfachheit ist: "Alles umbringen, insbesonders die Schweizer, sich der königlichen Familie bemächtigen, um sie als Geiseln zu verwenden." Ein wahrhaft modernes Programm: Danton als Patron der Geiselerpresser.
        Das Schloss ist jetzt verteidigt von zirka 900 Schweizern, von ein paar Hundert treu gebliebenen Nationalgarden und etwa 200 Edelleuten, die sich während der Nacht hereingeschlichen hatten, um dem König die letzte Treue zu erweisen. Es war ein gespenstisch-bewegender Auszug aus dem französischen 

 
 
Gotha, von Laval-Montmorency angefangen über Rohan, Bissac, Harcourt, Larochefoucault, Latour bis Choiseul und Dampierre. Es war der letzte Dank für jahrhundertalten Königsschutz, es war die letzte noble Sühne für alles, was man vielleicht im Glanze nicht richtig gemacht hatte, es war das Nichterlebenwollen des nächsten grauen Tages ohne König, in leichter Don Quichotterie, aber überzeugend im unüberbietbaren Einsatz des Lebens. Sie waren schlecht bewaffnet und halfen nicht viel, aber sie waren gewiss der letzte Trost für den König und die Königin, und viel mehr wollten sie ja nicht.
        Um 6 Uhr früh macht der König, seinen Sohn an der Hand, die Runde, aber er findet nicht die rechten Worte, 
um die Soldaten zu begeistern. Die Königin spricht nichts, aber ihre Erscheinung mit den Kindern an der Seite kann niemand ungerührt lassen, und sie zu verteidigen, muss der Urinstinkt jedes Mannes sein.
        Der Tag beginnt mit einem schauderhaften Mord. Mandat, der Befehlshaber der Nationalgarde, wird ins Rathaus befohlen. Als er dort erscheint, verlangt man von ihm den Befehl an die Schweizer, nach Paris zu kommen, der vom Bürgermeister unterschrieben ist, was ihm in der gegenwärtigen Situation den Kopf kosten könnte. Ohne Böses zu ahnen gibt er ihn heraus, worauf er vor den Augen seines Sohnes als unbequemer Zeuge grausam niedergemacht wird.
        Die führerlos gewordenen 


 

Königin Marie Antoinette, 28-jährig, von L.A. BRUN


 
 
Nationalgarden in den Tuilerien gehen, nachdem auch die berittenen Garden, die bisher noch den Platz beim Louvre gehalten hatten, zu den Aufständischen übergegangen waren, ebenfalls über. Im Schloss verhandelt der Minister Roederer mit der königlichen Familie: Der Abfall sei allgemein, der König exponiere nur unnötig seine Anhänger, seine Garden und seine Familie, wenn er im Schloss bleibe. Drüben, auf wenige Schritte Entfernung in der Assemblee Generale, die damals im ehemaligen Kloster der Feuillants etwa bei der Rue de Rivoli tagte, sei Sicherheit für den König und die Seinen. Die Königin hört, wie der Schweizer Hauptmann Bachmann dem Hauptmann Gebelin zuflüstert: "Wenn der König fortgeht, ist er verloren!" Sie wehrt sich gegen den Plan, sie vertraut der Truppe, und sie ist so gut in die Schule ihrer Mutter Maria Theresia gegangen, dass sie jedenfalls den Kopf hochhalten und zumindest die Ehre wahren will. Wie ihre Mutter ist sie erst Königin und dann erst Mutter. Aber der König, nicht mehr ganz von dieser Welt, träumt nur mehr davon, wie er Blutvergiessen vermeiden kann. So gibt er die Order zum Abmarsch.
        Um halb neun formiert sich unter Hauptmann Erlach ein Zug von Schweizern und einigen Nationalgarden, die die königliche Familie in die Mitte nehmen, um sich den kurzen Weg zum Kloster der Feuillants zu erstreiten. Der Königin werden Uhr und Börse geklaut; auf 

 
 
den Stufen werden sie vom Kopf des armen Mandat empfangen, der auf einer Pike steckt. Die Schweizer Offiziere werden verhaftet, die Escorte entwaffnet, einige erschlagen, einigen gelingt es, sich wieder zum Schloss durchzuschlagen. Trotz der hundertfachen Übermacht traut man sich nicht, den Angriff zu beginnen. Erst um 10 Uhr ertönen die ersten Kanonenschüsse, aber die Schweizer machen einen Ausfall und erbeuten einige der Kanonen. Doch sie können mit ihren schwachen Kräften nicht das riesige Schloss halten mit seinen vier Höfen. Immer dringen die Aufständischen irgendwo ein.
        20 Marseiller werden gefangen. Sie werfen sich den Schweizern zu Füssen und flehen um ihr Leben, was
man ihnen schenkt. Die karge Munition geht langsam zu Ende, die äusseren Wachen werden überwältigt und grausam umgebracht. Immer mehr müssen sich die Schweizer zusammenschliessen.
        Der König in der Assemblee Generale hört den Kampflärm. Einzig vom Gedanken besessen, Blutvergiessen zu vermeiden, kritzelt er auf einen Zettel: "Der König befiehlt den Schweizern, sofort die Waffen niederzulegen und sich in ihre Kasernen zurückzuziehen." Und fügt mündlich hinzu: "Er befindet sich im Schloss der Assemblee." Der Marschall Hervilly soll damit in die Tuilerien eilen. Hervilly liest das Billet nicht ordentlich und als ihm das Wunder gelingt, mit den Schweizern in 

 
 
Verbindung zu treten, schreit er: "Befehl des Königs, in die Assemblee zu kommen." Sie glauben, sie werden zur Verteidigung des Königs gerufen. Wie zur Parade, heisst es in allen Memoiren, sammeln sie sich unter einem Hagel von Geschossen. Auf dem kurzen Weg werden 50 Männer getötet, aber stolz, mit enthüllter Fahne und gezogenem Säbel stürmt die mutige Schar in den Saal, wo die Assemblee tagt. Ein Entsetzensschrei: "Voilà les Suisses!" ertönt es von überall, und einige Deputierte der extremen Linken springen vor Angst aus dem Fenster. Die Hauptleute Salis und Dürler dringen bis zum König vor. Vielleicht die allerletzte Chance, die von Purcht gepackte Assemblee zum Teufel zu jagen und den Aufstand seines Kopfes zu berauben. Aber der König antwortet resigniert: "Übergebt Eure Waffen der Nationalgarde. Ich will nicht, dass Leute wie Ihr zugrunde gehen!" Aber gerade das ist das Todesurteil. Salis lässt die Gewehre zusammenstellen und die Patronentaschen ausleeren. Die Soldaten werden in die Kirche der Feuillants gebracht, die sie erst zur Hinrichtung wieder verlassen werden. Die Offiziere kommen ins Gefängnis der Abbaye, wo sie am 2. September von den Volksmassen, die die Gefängnisse stürmen, massakriert werden.
        In den Tuilerien sind über 400 Schweizer zurückgeblieben, die zum Auszug in die Assemblee nicht zurechtgekommen waren. In 

 
 
ungezählten Heldentaten, fast ohne Munition, verteidigen sie das leere, brennende Schloss gegen ganz Paris bis gegen 4 Uhr. Als die Aufständischen endlich eindringen, finden sie nur mehr die beiden Trommlerbuben lebend vor, der eine 6, der andere 15 Jahre alt. Sie werden mit Bajonettstichen getötet.
        Aus einem Fenster des Place du Carrousel, etwa dort, wo jetzt der kleine Triumphbogen im Tuileriengarten steht, sah ein junger Mann dem furchtbaren Geschehen zu. Als wäre die Erinnerung noch ganz frisch schrieb er darüber 25 Jahre später auf St. Helena: "Das königliche Schloss war von der unwürdigsten Canaille angegriffen worden. Nach seiner Einnahme und dem Auszug des
Königs versuchte ich, in den Garten vorzudringen. Niemals hatte ich später auf einem Schlachtfeld eine solche Anhäufung von Toten erlebt. Ich sah Weiber, die die gemeinsten Obszönitäten an den Leichen verübten!"
        Einigen, ja wohl über hundert, gelang es, in dem unbeschreiblichen Wirrwarr mit Hilfe barmherziger Franzosen zu entkommen. Oft aber nur, um einem noch ärgeren Schicksal entgegenzugehen. Selbst dem Kapitän Erlach war es gelungen unterzutauchen. Aber sein Versteck wurde verraten. Man zerrte ihn heraus und befahl der Ordonnanz, die mit ihm war, den Kapitän schön zu frisieren. Dann gab man dem Soldaten eine Säge in die Hand und befahl ihm, den Kopf des 

 
 
Kapitäns abzusägen, aber so vorsichtig, dass die Frisur nicht zerstört würde, da sie sich auf der Spitze einer Pike sehr gut ausnehmen würde. Der Soldat weigerte sich und wurde niedergemacht. Zwei Frauen übernahmen dann freiwillig die Sägearbeit und pflanzten den abgesägten Kopf auf eine Pike.
        Aber es gab Militärärzte, die wochenlang Schweizer als angebliche Kranke in Spitälern versteckten, der Deputierte Bruat rettete 15 Schweizer Offiziere, indem er ihnen Zivilkleider verschaffte, mit denen sie fliehen konnten, und eine große Zahl riskierte das Leben, indem sie Verwundete versteckten.
        Und einige blieben sogar noch so lange in Paris versteckt, dass sie am
21. Jänner 1793 in ohnmächtiger Wut den dumpfen Trommeln lauschen mussten, mit denen Ludwig XVI. zum Schaffott begleitet wurde; und als Gipfel der Schmach und des Entsetzens am 16. Oktober 1793 der bleiernen Stille gegenwärtig wurden, durch die der Schinderkarren mit der einstigen Königin zum Richtplatz fuhr. Einige der Altdienenden werden sich noch daran erinnert haben, wie Marie-Antoinette im Mai 1770, noch nicht ganz 15 Jahre alt, in Compiegne von Ludwig XV. empfangen wurde, dem sie sich, wie es ihr ihre Mutter genau eingelernt hatte, zu Füssen warf, und der sie aufhob und diesen seidenraschelnden Schatz aus Jugend, Grazie und Frische als alter Kenner gar nicht mehr aus den Armen lassen wollte, während der Dauphin, 

 
 
ihr künftiger Mann, nur einen timid-kurz- sichtigen Blick für sie übrig hatte.
        Und sie werden sich an die in aller Natürlichkeit so hoheitlichelegante Königin erinnern, die mit ihrem frischen Lebensdurst allen höfischen Zwang sprengte und so recht eine Königin war, in den Augeri des Gardisten, so wenig der König ein König war.
        Und sie werden sich des Tages erinnern, wo all das Unheil begonnen hat, am 5. Mai 1789, wo die Garde die königliche Familie mit allem Pomp der Monarchie begleiten musste, vom Schloss Versailles zum Tagungsort der Generalstände, wo die Königin, mit 35 Jahren schon fast weiss geworden, von der Flut der Verleumdung, der Intrigen
und des Hasses, die plötzlich, ohne dass sie etwas verbrochen hätte, über sie gekommen war, wiederum das Opfer eines der tragischen Missverständnisse war, die ihre späten Jahre so verbitterten: Man warf ihr zerstreut-verletzende Interesselosigkeit vor für das große Ereignis, das Zusammentreten der Generalstände, wovon sich ganz Frankreich den Beginn einer neuen glücklichen Epoche erhoffte. Aber was sind einer Mutter alle politischen Utopien, wenn der erstgeborene Sohn, zum Tode krank, in Kissen gebettet, auf dem Balkon liegt, um die Pracht des Zuges und die Mutter in der Staatsrobe zu sehen und ihr, vielleicht ein letztes Mal, zurückzuwinken.
        Und später, wenn dem 

 
 
überlebenden Gardisten die Zeichnung Davids von der Königin auf ihrer Fahrt zum Tode gezeigt wurde, da konnte er's nicht glauben, dass die schwergeprüfte Königin, die seinen Mut entflammt hatte, am Morgen des 10. August noch so viel Leid ertragen konnte, bis diese letzte Starre des Schmerzes erreicht war, wie auf dieser Zeichnung mit den trocken brennenden Augen, weil alle Tränen bis zur allerletzten ausgeweint waren. Und trösten wird ihn nur, dass stolz und aufrecht auch mit den nach hinten gefesselten Händen die Kaisertochter auf dem Schinderkarren fuhr und sie in grenzenloser Verachtung des Gemeinen die letzte hoheitliche Order an den Henker gibt: "Beeilen Sie sich!"
        Heute, schon aus historisch 
kühler Ferne, blicken die brechenden Augen der ungebeugten Königin, der stolzen Tochter unseres Landes, auf uns zurück. Aber mir ist es stets, als sähen sie mich an durch allen bramarbasierenden Rauch und Schall, womit die französische Revolution das Geleistete anzupreisen und die Opfer zu vernebeln nicht müde wurde. Und war das von so vielen vielfach Gepriesene wirklich nur zu leisten, gepfropft auf die blutigen Körper des bestintentionierten Königs, der je auf Frankreichs Thron sass, eines Idealkönigs für eine wirklich demokratisch-freie konstitutionelle Monarchie, nur allzu gütig-schwach gegenüber den anarchischen Tendenzen, mit denen neue Ideen stets verbunden sind? Und der überall nur 


 
Königin Marie Antoinette, 36-jährig, Skizze von KUCHARSKI (Nach Aussage der Erzieherin ihrer Kinder, Gräfin TOURZEL, von "perfekter Ähnlichkeit")

 
 
Glück spenden wollenden Königin, die von einer überbeschäftigten Kaiserin nur sehr unvollkommen erzogen und auf ihr entsetzlich schweres Amt vorbereitet, höchstens der läss1ichsten Sünden jugendleichter Heiterkeit angeklagt werden kann, und dass sie nicht die schier übermenschliche Kraft besass, die tausend sie umgebenden interessierten Schmeichler abzuwehren und zu durchschauen? Und das Schneiderlein und die Schweizer und die lebensopfernden Edelleute und zirka 250.000 weitere, zum allerallergrössten Teil unschuldig hingerichtete Menschen, sollte das wirklich der Humus sein für die grossen menschheitsverändernden Ziele der Revolution? Oder zeigt sich im blassklaren Lichte ferner, den  Leidenschaften des Tages entrückter und von neueren Erfahrungen geschärfter Geschichtsschau, dass die drei unverrückbar erscheinenden Ideale, für die diese ganze bittere Tragödie ablaufen musste: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, in der dargebotenen hohlrationalistischen Form nur eindrucksvoll wuchtende aber eigentlich blinde Fassaden sind, die täuschend vorgelagert sind dem echten Bau menschlicher Sehnsüchte, die ungleich komplizierter, tiefer und unaussprechlicher der behutsam sorgenden Aufdeckung harren und vielleicht nur einmal in der Weltgeschichte wirklich erahnt, entdeckt und zum gewaltigen Sturm echter Befreiung entfacht wurden, auch wenn wir es als rein historisches 

 
 
Faktum ansehen: in der Geburtsstunde des Christentums. Der Zeremonie, die heute noch täglich viele tausend Male und um die ganze Welt dieser grossen Stunde der Menschheit gedenkt, glauben in unserer Zeit viele aus Mangel an Glauben an die sie umgebende Lehre oder weil sie sie überhaupt unbedingt an eine Lehre gekoppelt glauben, fernbleiben zu sollen oder zu müssen. Aber ich glaube, dass man sie auch empfinden darf, als stets erneuerte Erinnerung an den von so wunderbarer Wirkung begleiteten ersten liebend-zitternden Versuch, die ewig leidende Verbitterung des Menschen in einem Triumphzug der Demut in den tiefen Glanz und die reuelose Lust der Hingabe zu wandeln. Und langsam,  wenn nun Blatt um Blatt der einst geräuschvollgepflanzten und nun schweigend verdorrenden Freiheitsbäume zur Erde sinkt, hören wir aus ängstlicher, um die wirkliche innere Freiheit bangender Stille wieder das Pochen all dieses damals mutwillig vergossenen Blutes. Oh, lauschen wir! Es wird uns Richtigeres lehren, als die Fanfarenstösse der Sieger des 10. August 1793.
        Nach dem 10. August wurden alle Schweizer Regimenter nach über 400Jahren höchster Bewährung von der Assemblee sangund danklos aufgelöst. In der Eidgenossenschaft war die Empörung, insbesonders nach Kenntnis der Septembermorde in den Gefängnissen, ungeheuer. Alle Truppen wurden sofort rückberufen. Alle 

 
 
Capitulationen für nichtig erklärt. Aber die unter sich uneinigen Kantone konnten sich zu keiner gemeinsamen Aktion aufraffen. Und bald verlor ja die Eidgenossenschaft unter Napoleon praktisch ihre Selbständigkeit. Es gab wieder Schweizer Truppen in seinen Heeren, aber nicht mehr nach dem System der Capitulationen und keine Schweizer Garde mehr.
        Nach der Restauration unter Ludwig XVIII. wurde beides wieder eingeführt und die Schweizer zeichneten sich wieder aus bei der Eroberung von Algier und bei der Julirevolution 1850, wo sie jedoch die Bourbonen nicht mehr retten konnten. Bei seiner Abdankung entband Karl X. alle Schweizer ihres Eides und sie kehrten in ihre Heimat zurück oder 
gingen nach Neapel, wo die dort regierenden Bourbonen in grossen Schwierigkeiten waren.
        Um wenigstens ein paar Schweizer für sich zu behalten, gründete der neue König Louis Philippe die Fremdenlegion, die anfangs nur aus Schweizern bestand.
        In Neapel und im Kirchenstaat wurden die Schweizer, ebenso wie einst vom unglücklich operierenden Karl X., zur Unterdrückung aller moderneren Ideen eingesetzt, so dass in der Schweiz immer mehr Stimmen laut wurden, die auf das Paradox hinwiesen, dass Soldaten einer Republik die rückständigsten Monarchen auf ihren Thronen halten. So wurde in die Schweizer Verfassung von 1848 eine Bestimmung 

 
 
aufgenommen, das den Abschluss neuer Capitulationen untersagte. Aber das änderte nicht allzuviel am praktischen Zustand, denn nach ihrem Ablauf blieben viele als Söldner im Lande. Um auch das zu verhindern, bestimmt ein Gesetz von 1859, dass kein Schweizer in fremden Militärdienst gehen darf. Nur der Vatikan machte noch eine Ausnahme.
        Vielleicht waren diese Gesetze im letzten Anstoss motiviert durch ein weiteres mehr oder minder zweckloses Gemetzel von wiederum rund 1000 braven Schweizer Gardisten für eine ihnen ganz und gar fremde Sache, die bei der Verteidigung Vicenzas gegen unseren Vater Radetzky am 10. Juni 1848 fielen. Angeworben für die päpstliche Truppe, merkwürdigerweise 
im österreichischen Feldkirch, das verkehrstechnisch besser lag als das damals kaum zugängliche Engadin, woher sich das Hauptkontingent rekrutierte, wurden sie in Rom einem grossen Abenteurer unterstellt, dem General Durando, der sich im portugiesischen und spanischen Bürgerkrieg persönlich Lorbeeren erworben hatte. Der Papst Pius IX., aus einer liberalen Familie stammend, war das Idol der italienischen Freiheits- und Einheitsparteien. Er war innerlich auf der Seite König Alberts von Piemont-Sardinien, als dieser am 23. März 1848 Österreich den Krieg erklärte. Aber er liess es nicht so weit kommen, wozu Durando ihn heftig drängte, auch Österreich den Krieg zu erklären. Doch liess er sich von ihm 

 
 
überreden, die Schweizer Regimenter nach Bologna zu verlegen, das angeblich durch die Österreicher gefährdet sei. Von hier aus erliess er am 5. April einen Aufruf, der mit den Worten schliesst: "Der Heilige Vater hat Eure Waffen gesegnet". Er beschimpft darin Radetzky weidlich, was um so verlockender war, als dieser mit seinen schwachen Truppen Mailand und die ganze Lombardei geräumt hatte und die inneren Wirren in Österreich eine zielstrebige Kriegsführung unmöglich zu machen schienen. Dieser Rückzug Radetzkys auf das Festungsviereck Verona, Mantua, Peschiera, Legnago entflammte den Mut der Italiener in ungeahntem Ausmass: Durando belebte den alten Kreuzfahrerruf: "Iddio lo  vuole", "Gott will es", und organisierte eine Freischar, gegen die Banden von Croaten Radetzkys, die mit ihren Pferden die Altäre entweihen und die Gräber der Vorfahren schänden." Als Zeichen nahmen sie ein rotes Kreuz auf den Rücken und nannten sich darnach "Crociati", die Kreuzfahrer. König Albert, der sich schon als Souverän ganz Italiens sah, gab Durando, dem er eigentlich garn nichts zu befehlen hatte, den Befehl, in die Lombardei einzurücken und inmitten einer patriotischen Frenesie ergossen sich die ungezügelten Scharen der Crociati und als fester Kern die päpstlichen Schweizer über den Po in die Lombardei und bis nach Venetien, da die Österreicher ganz allein auf die Defensive, die Verteidigung einiger 

 
 
fester Orte eingestellt waren. Dadurch wurden die Italiener immer kühner und versuchten Mantua und Verona zu belagern. Hier aber, wo sich Radetzky selbst aufhielt, holte er zu einem furchtbaren Prankenschlag aus und am Friedhof des Vorortes Santa Lucia setzte er überraschend zum Gegenangriff an und vertrieb die Piemontesen. Hier erlebte ein achtzehnjähriger Erzherzog namens Franz Josef die Feuertaufe und seine Suite hatte große Mühe, ihn, von dem man bereits ahnte, dass er zu Höherem bestimmt sei, aus der Feuerlinie zu bringen, denn im Rausch des Sieges wäre er nur allzu gern dem Feind auf den Fersen geblieben. Mit indessen eingetroffener Verstärkung konnte Radetzky an die Wiedergewinnung  verlorenen Gebietes denken. Als Wichtigstes erschien ihm die Wiedereroberung des nahen Vicenza. Dort aber hatten sich etwa 1000 Schweizer unter Durando und eine Menge Crociati festgesetzt. Die Schweizer waren am vorgelagerten Monte Berico nach allen Regeln der Fortifikationskunst verschanzt und Durando erklärte stolz, dass er uneinnehmbar sei. Aber nach sechsstündigem Kampf, bei dem fast 1000 Schweizer ihr Leben liessen, fiel der Monte Berico doch. Der Maler Pecht schildert das Ereignis: "Die weissen Mauern des Klosters, das den Monte Berico krönt, wurden von den Schweizern mit echt alemannischer Tapferkeit verteidigt, fast alle blieben am Platz. Die Crociati hingegen 

 
 
hielten es damals für gut, sich nicht den Unannehmlichkeiten eines Bajonetteangriffes auszusetzen, sondern zogen es vor, der Bella Italia so edle Kämpfer weiter zu bewahren." Am Abend des 10. Juni 1848 bietet Durando die Kapitulation von Vicenza an, das nach dem Fall des Monte Berico nicht mehr zu halten ist. Radetzky gewährt sie ihm mit allen militärischen Ehren. Am 11. Juni erfolgt der Ausmarsch. Voraus die wenigen noch lebenden Schweizer in guter Haltung aber mit finsteren Mienen, so werden sie beschrieben. Unsere Soldaten werfen ihnen vor, dass sie, selbst Deutsche, gegen ihre deutschen Brüder für ein Volk kämpfen, das sie eben so arg hasse wie uns. Ein Vorwurf, der hundert Jahre  früher noch undenkbar gewesen wäre. Man sieht, wie das System der Capitulationen mit dem steigenden Nationalbewusstsein unvereinbar ist. Als sie Radetzky an der Strasse sehen, entbieten sie ihm respektvoll die Ehrenbezeugung.
        Kaiser Franz Josef, dem treuen Sohn der Kirche, war diese feindselige Begegnung mit den Truppen des Papstes peinlich und über seinen Wunsch wurde sie in den Geschichtswerken seiner Epoche nicht erwähnt und fast ganz vergessen. Erst der Historiograph des Feldjägerregimentes Nr. 10, Kopal aus St. Pölten, das den Monte Berico erstürmt hatte, fand Radetzkys Entwurf zum Heeresbericht: "Auch päpstliche Schweizer waren unter den 

 
 
piemontischen Truppen. Die Curia Romana ist stark, wenn es sich darum handelt, aus Schwarz Weiss zu machen; wir sind begierig auf die Beweisführung des Herrn Nuntius, dass sein Herr in Frieden und Freundschaft mit Österreich lebe."
        So schloss denn scheinbar ruhmlos und mehr vom Vorwurf eines anachronistischen Übelstandes bedeckt als vom Licht der ungezählten Heldentaten überstrahlt, das Kapitel der Schweizer Garden, als wäre es nichts anderes als auf ftemder Bühne im fremden Mächtespiel sinnlos vergeudete Volkskraft. Aber nur sehr selten sind geschichtliche Ereignisse ganz und gar sinnlos, wenn es auch mitunter ausserordentlich schwer ist, den fernen und sich oft nur wie ein 
geistiges Nebenprodukt gerierenden Zweck zu erkennen, den der geheimnisvolle Lenker der Geschicke oft auf gewundenstem Umweg zu erreichen weiss.
        Jede Capitulation war gleichzeitig ein Nichtangriffspakt, da man ja nicht mit Söldnern aus dem Söldner liefernden Staat diesen angreifen konnte. So entwickelte sich die Gewohnheit, später die Idee, und schliesslich die staatsrechtliche Fundierung einer Neutralität, wie sie bei keinem anderen europäischen Staat auch nur in Ansätzen vorhanden ist und gewiss neben der geographischen schwer angreifbaren Lage politisch und psychologisch ihren Ursprung im System der Schweizer Garden hatte. Diese Neutralität war aber niemals 

 
 
etwas rein Defensives oder negativ, als nicht Anzugreifende definierbar, sondern es war immer eine aktive, eine bewaffnete, ja waffenstarrende Neutralität, mit dem sehr realistischen Grundgedanken, dass jeder sich die Zähne ausbeissen wird, der an ihr zu nagen versucht. Daher hat diese Neutralität die Schweiz immer wieder zu den grössten Anstrengungen auf dem Gebiet militärischer Rüstung angespornt, und nur diesen und vielleicht auch dem hereditären Respekt vor den Schweizer Soldaten ist trotz der Kleinheit des Landes sowohl 1870 als auch 1940 die Wahrung der Neutralität und damit wohl die Existenz der Schweiz zu danken.
        So denke ich mir, dass es uns Neulingen in der Schule der Neutralität 
sehr wertvoll und sehr nötig ist, auf den erfahreneren Nachbarn zu blicken und sich vor allem des einen bewusst zu sein, dass es eine negative, eine leere, eine bequeme Neutralität, beruhend auf sehr schönem Papier geschriebenen Verträgen, wonach uns die anderen "nix tun dürfen", ein absolut irreal utopisches Gebilde ist. Ja, sie ist ärger als ein Wahnbild, sie ist die sträfliche Versuchung für jeden kräftig sich regenden näheren oder ferneren Nachbarn, in lieblich-fruchtbare aber unverteidigte Felder einzudringen, deren Bewohner im Genusse ihrer Früchte und Schönheiten Urgesetzen der menschlichen Gemeinschaft entgehen zu können meinen, die immer die unabänderliche Pflicht des Bürgers, auch des schönsten Landes, bleiben 

 
 
werden.
        So wird der Schauder dieses scheinbar vergeblichen Todes der Schweizer Garden für einen fremden König nicht nur von der Glorie des fraglos hingegebenen Opfers überglänzt, sondern auch vom versöhnlichen Licht des blutig ertrotzten Friedens für die Söhne und fernen Enkel der blühenden Schweizer Heimat. Und auch auf uns fällt noch über die Jahrhunderte hinweg ihres Blutes hellrote Mahnung.
Eigentümer, Herausgeber, Verleger und für den Inhalt verantwortlich:
Dr. HANS von URBANSKI
1010 Wien
Brandstätte 7
Filmsatz: secretary service, 1050 Wien, Laurenzgasse 5
Selbstverlag des Verfassers.
 

Vortrag gehalten am 7. Feber 1974
 

Die Witwe CAPET am Weg zum Schaffott, 37-jährig,
Zeichnung con DAVID, am 16. Oktober 1793









 
 

date: 24 Settembre 1999 / 08.33 p.m. localtime México D.F.
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